Scheels Erbe als Aufgabe der Gegenwart
Zehn Jahre nach Walter Scheels Tod haben die Stadt Bad Krozingen und der Freundeskreis Walter Scheel am Montag an den früheren Bundespräsidenten erinnert. Mit einem öffentlichen Empfang wurde zugleich das nach dem Rathausumbau wieder zugängliche Walter-Scheel-Museum eröffnet. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Scheels Verständnis von Freiheit, Europa und politischer Verantwortung der Gegenwart noch zu sagen hat.

Der Ort verlieh dem Gedenken besondere Anschaulichkeit. Walter Scheel hatte seit 2009 in Bad Krozingen gelebt und war hier am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren gestorben. Sein letztes Arbeitszimmer ist im Rathaus erhalten geblieben. Schreibtisch und Mobiliar, politische Dokumente, Fotografien, Karikaturen und persönliche Erinnerungsstücke erzählen von einem politischen Leben, das die Bundesrepublik über Jahrzehnte mitprägte. An der Wand erinnert die Goldene Schallplatte für „Hoch auf dem gelben Wagen“ an die populäre Seite eines Politikers, dessen historische Bedeutung weit darüber hinausreicht.
Oberbürgermeister Volker Kieber erinnerte bei dem Empfang an Scheels enge Verbindung zu seiner Wahlheimat. Dass der frühere Bundespräsident sich für Bad Krozingen als Wohnort entschieden habe, sei für die Stadt bis heute von besonderer Bedeutung. Entsprechend sei bei Erweiterung und Umbau des Rathauses Wert darauf gelegt worden, das Arbeitszimmer zu erhalten und das Museum wieder zugänglich zu machen.
Der Vorsitzende des Freundeskreises, Prof. Dr. Valentin Weislämle, würdigte insbesondere den langjährigen Einsatz des Ehrenvorsitzenden Dr. Manfred Vohrer. Mit Beharrlichkeit, persönlichen Verbindungen und zahlreichen Initiativen habe er wesentlich dazu beigetragen, Scheels Erinnerung in Bad Krozingen öffentlich sichtbar zu halten. Das Museum soll daran anknüpfen: nicht nur als Ort der Bewahrung, sondern auch der politischen Bildung, Begegnung und Diskussion.
Den politischen Akzent des Abends setzte Dr. Christoph Wirtz, stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises. Er erinnerte an einen Scheel, der weit mehr war als die populäre Figur des „gelben Wagens“: an einen Politiker der Mitte, aber nie des Mittelmaßes, der politische Wirklichkeit nüchtern betrachtete und dennoch bereit war, sie zu verändern.
Seine Laufbahn führt von der Solinger Kommunalpolitik über Bundestag und europäische Institutionen in die zentralen Ämter der Bundesrepublik. Scheel gehörte zu den Kräften, die die FDP aus ihrer alten nationalliberalen Verengung lösten; 1968 wurde er Parteivorsitzender. Ein Jahr später trug er zur Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten bei und bereitete die Öffnung seiner Partei zur SPD vor. Die sozialliberale Koalition machte Willy Brandt zum Kanzler und Scheel zum Außenminister und Vizekanzler. In dieser Funktion gehörte er zu den maßgeblichen Akteuren der neuen Ostpolitik. 1974 wurde er Bundespräsident.
Wirtz hob vor allem den politischen Mut hervor, der hinter Entscheidungen stand, die im Rückblick selbstverständlich erscheinen. Scheel verstand Führung nicht als möglichst genaue Abbildung vorhandener Stimmungen. Sein Satz, es sei nicht Aufgabe eines Politikers, „die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun“, sondern „das Richtige zu tun und es populär zu machen“, bildete deshalb einen Leitgedanken des Abends.
Auch Scheels Außenpolitik wurde nicht als Rezept für die Gegenwart verstanden, wohl aber als politische Haltung: feste Westbindung, nüchterner Blick auf Machtverhältnisse und zugleich die Bereitschaft zum Gespräch. Sein Liberalismus, so formulierte Scheel selbst, bestand darin, offen für die Wirklichkeit zu sein, „mit der ich umgehen muss, wenn ich sie verändern will“. Darin liegt ein weiterhin aktueller Maßstab für ein Europa, das sich wieder mit Krieg, militärischer Bedrohung und der Frage eigener Handlungsfähigkeit auseinandersetzen muss.
Zur politischen Bedeutung Scheels gehört ebenso sein Verständnis demokratischer Selbstkritik. 1975 sprach er zum dreißigsten Jahrestag des Kriegsendes davon, die Deutschen seien von „Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei“ befreit worden, und erinnerte zugleich daran, dass diese Befreiung von außen gekommen war. Zwei Jahre später verband er angesichts des RAF-Terrorismus die Entschlossenheit des Rechtsstaates mit der Frage nach möglichen Versäumnissen der demokratischen Gesellschaft. Festigkeit ohne Selbstgerechtigkeit – auch darin lag ein Leitmotiv seiner Präsidentschaft.
Damit bekam die Wiedereröffnung des Museums einen Sinn, der über die Pflege eines Nachlasses hinausweist. Die dort versammelten Gegenstände stehen für die Spannweite einer Biographie: die Zeugnisse eines Außenministers, der die Ostverträge mit durchfocht, die Dokumente eines frühen Europäers und eines Bundespräsidenten, der der Republik unbequeme historische Wahrheiten zumutete.
Nach dem offiziellen Teil besichtigten die Gäste das wiedereröffnete Arbeitszimmer; Bürgerdialog und Empfang schlossen sich an. Das Walter-Scheel-Museum soll so nicht allein zeigen, wer Walter Scheel war. Entscheidend ist, ob die politischen Maßstäbe, für die er stand – Freiheit, Verantwortung, europäische Handlungsfähigkeit und der Mut zur Entscheidung –, auch zehn Jahre nach seinem Tod noch Fragen an die Gegenwart stellen.
📷 © Freundeskreis Walter Scheel Prof. Dr. Ewald Grothe, Prof. Dr. Valentin Weislämle, Oberbürgermeister Volker Kieber und Dr. Christoph Wirtz (v. l. n. r.)
Im hier abrufbaren aktuellen Nachrichtenbeitrag von Baden TV Süd GmbH ordnet unser Vorsitzender Prof. Dr. Valentin Weislämle das politische Wirken und Vermächtnis Walter Scheels ein. Oberbürgermeister Volker Kieber berichtet zudem von persönlichen Begegnungen mit dem früheren Bundespräsidenten.